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IM ZWIST MIT DER INNEREN LEERE–BURNOUT

Viele Ärztinnen und Ärzte kämpfen mit Anzeichen von Burnout. In komplizierten Zeiten wird oft vergessen, auf sich selbst zu achten – oft mit fatalen Folgen!

Wer zu den Helfern und Heilern zählt, darf selbst keine Schwächen zeigen. Mit diesem Selbstbild schleppen sich viele Ärztinnen und Ärzte über die Phasen höchster Belastung. „Klienten aus dem medizinischen Bereich verfügen über ein Rollenbild, das selten zugibt, dass man am Limit läuft“, erzählt die Arbeitspsychologin Mag. Regina Nicham. Sie ist Teamleiterin bei IBG, einem Beratungsunternehmen auf dem Gebiet des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Burnout und dessen Symptome zählen zu den häufigsten Krankheitsbildern, die ihr derzeit in ihrem Berufsleben begegnen. Was mit unkoordinierter Hektik und ständiger Müdigkeit beginnt, endet nicht selten in Alkohol- und/oder Medikamentenabhängigkeit. Begleitet wird dieser Niedergang von einem vollkommenen sozialen Rückzug: „Corona hat diese Entwicklung deutlich befeuert“, konstatiert Nicham eine der Lockdown-Begleiterscheinungen. Die wirksamste Ersthilfe gegen den überzogenen Selbstanspruch liegt in der Erkenntnis des Problems. „Der geforderte Mensch braucht bei aller Leistungsbereitschaft Nischen des Rückzugs. Er muss bereit sein, die eigenen Grenzen zu akzeptieren“, weist die Arbeitspsychologin den Weg zum Notausgang. Leistung kann nur dann erbracht werden, wenn den Erholungsphasen genügend Platz eingeräumt wird. Ressourcen müssen gepflegt werden.

© IBG

ERSTE SYMPTOME ERKENNEN

Burnout ist vielen hart arbeitenden Menschen näher als ihnen lieb ist. „Das erste Indiz sind Einschlaf- und Durchschlafstörungen“, sagt Nicham. Der Kampf mit den morgendlichen Dämonen, die nicht mehr ruhen lassen, ist weit verbreitet. „Körper und Geist können sich nicht mehr aufladen.“ Arzt und Ärztin stehen am Morgen auf und fühlen sich gerädert. Sie kommen aus dem Wochenende zurück in die Ordination und spüren nur Müdigkeit. Häufig werden diese Symptome bereits von einer inneren Bitterkeit begleitet. Die österreichische Sprache hat dafür das Wort „Grant“ entwickelt. „Der ausgebrannte Mensch will niemanden mehr sehen“, sagt Nicham. Die Übellaunigkeit spart den privaten Bereich nicht aus. Partner und Kinder werden ob der inneren Immigration des Familienmitglieds ratlos zurückgelassen. Gleichgültigkeit, Einsamkeit und Desinteresse ersetzen Dynamik, Aktivität und soziales Engagement.

Psychosomatische Reaktionen sind die Folge: Schwächung des Immunsystems, erhöhter Blutdruck, Muskelverspannungen, Rückenschmerzen, nervöse Tics, Verdauungsstörungen finden oft ihre Wurzeln in der persönlichen Überlastung.

Beruflich weicht das Überengagement, das den Burnout beschert hat, sukzessive einer Resignation, in der auf Patienten nur mehr routinemäßig und oberflächlich eingegangen wird. „Für den außenstehenden Dritten wirkt dieses Verhalten oft herablassend und unfreundlich,“ erklärt die Psychologin. Es ist für Patienten und Mitarbeitern nicht erkennbar, dass der Arzt nicht mehr anders kann.

PANDEMIE BEFEUERT GEFÄHRDUNG

COVID hat das Problem eindeutig verschärft. Grund dafür ist der signifikante Anstieg der Belastungsszenarien. Das ständige Bemühen, den Virus fern der Ordination zu halten, leert den Akku. Neben den ganz normalen beruflichen Belastungen macht die ständig wechselnden Informationslage mürbe. Wenn dann noch Mutanten ins Spiel kommen und Patienten immer überreizter werden, bleibt bei manchen nur mehr die innere Leere – und die Hoffnung, alles möge bald ein Ende haben. Es fällt schwer, dabei noch positiv zu bleiben. Dennoch: Niemand muss sich seinem Schicksal ergeben.

Quelle: IBG/ Regina Nicham

DER ZUSAMMENBRUCH NAHT – WAS TUN?

Wer die Gefahr erkennt, muss sie auch bannen, sonst ist jede Selbsterkenntnis umsonst. Über allen Anstrengungen steht das Ziel, die eigenen Lebensgeister wieder zu wecken. „Jeder muss für sich selbst überlegen, was ihm guttut“, rät Nicham. Der Beruf darf nicht alles verstellen, Familie und alles, was in Corona-Zeiten von den Hobbies geblieben ist, müssen einen hohen Stellenwert erhalten. Es gilt, wieder Freude und Lachen ins Leben zurückzuholen.

Neben der notwendigen Zielüberprüfung nennt Nicham aber auch Möglichkeiten, wie im Alltag Phasen der Mutlosigkeit durch simple Entspannungsmethoden übertaucht werden können. „Körperliche Aktivität und innere Ruhe sind zwei Seiten derselben Medaille“, ist Nicham überzeugt. Im Zentrum der „Ersten Hilfe“ für Burnout-Kandidaten steht die grundlegendste Form von Lebensenergie: Luft.

KLEINES SELBSTSCHUTZPROGRAMM

Bewusstes Atmen ist die Basis jeder Entspannung. Was esoterisch klingt, hat handfeste physiologische Ursachen: Durch tiefe Bauchatmung wird der Körper mit frischem Sauerstoff versorgt, dadurch verbessert sich der Stoffwechsel. Tiefe Atmung wird erleichtert durch eine aufrechte Körperhaltung, da diese dem Atem ermöglicht, ungehindert zu fließen. Zudem nützt der Betroffene die Minuten des kontrollierten Atems, um aktuellen Ärger abzustreifen und den notwendigen Abstand zum eigenen Tun herzustellen.

Zweiter Tipp: Die Akteure gönnen sich im Laufe des Arbeitstages regelmäßig zwanzig oder dreißig Minuten Auszeit, die „strikt eingehalten werden“. Dazu könne auch „ein kurzes Schläfchen zählen“, verweist Nicham auf ein altes Hausrezept.

Kleine, aber regelmäßige Bewegungseinheiten ergänzen das Selbstschutzprogramm: Gezielte Aktivierungsübungen während des Tages verbessern Aufmerksamkeit und Konzentration. Wichtig für Regina Nicham bleibt die Sichtweise, dass Aktivität und Ruhe in einem ausgewogenen Verhältnis stehen müssen: „Wenn eine Schale der Waage zu lange unten oder oben verweilt, fällt es immer schwerer, wieder in die Balance zu kommen“.

© Springer Wien

In Kürze:

  • Ein- und Durchschlafstörungen sind die ersten Symptome eines beginnenden Burnouts. Diese Anzeichen werden häufig begleitet von Phasen des sozialen Rückzugs.
  • Der gefährdete Arzt muss seine Situation als solche erkennen. Viele Angehörige von Heilberufen haben damit Schwierigkeiten.
  • Es gibt viele Methoden der Regeneration. Wichtig bleibt: Wer nicht auf sich schaut, brennt aus.

Von Mag. Josef Ruhaltinger

Letzte Aktualisierung: 19.02.2021