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SO MACHEN SIE IHRE ORDINATION KLIMANEUTRAL

Mit der Erfassung des ökologischen Fußabdrucks punkten Ordinationen bei ihren Patienten und nachfolgenden Generationen

COVID-19 hat „Fridays for Future“ aus den Schlagzeilen verdrängt. Das Problem der Klimaerwärmung ist aber nicht verschwunden. Es bleibt mindestens so hartnäckig auf der globalen To-Do-Liste wie die Pandemie-Bekämpfung. Allerdings scheint das Anliegen des Klimaschutzes für die persönliche Betroffenheit weniger eindringlich als die große Seuche. Denn die Zusammenhänge sind maximal abstrakt. Es ist vielleicht in den Köpfen angekommen, dass das x-te Hochwasser und die langen Dürrephasen mit dem eigenen Mobilitätsverhalten in Zusammenhang stehen. Im Alltag ist davon aber wenig zu spüren. Die Betroffenheit ist generell, unmittelbare Konsequenzen sind speziell. Was bleibt, ist ein schlechtes Gewissen – ungefähr so wie nach einem übermäßig genossenen Mahl.

© F.Nussbaumer, Infografik Klimaneutrale Ordination

SCHMUTZIGE HINTERLASSENSCHAFTEN

Klimaschutz ist für jedermann und jede Frau machbar. Dabei gehe es nicht um Askese und Birkenstock-Attitüde, versichert Unternehmensberaterin Margit Kapfer. Im unternehmerischen Alltag einer Ordination stehen Bewusstseinsbildung und Signalwirkung im Vordergrund. Der Klimaschutz sei dann nur eine logische Konsequenz. Margit Kapfer begleitet Firmen und Ordinationen auf ihrem Weg der „ökonomischen, ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit“. Sie ist „Senior Consultant“ der Wiener Unternehmensberatung Denkstatt - mit 40 MitarbeiterInnen in Österreich das größte heimischen Consulting-Unternehmen in den Bereichen Nachhaltigkeit und Klimawende. Sie berät Unternehmen von der Erstellung des ökologischen Fußabdrucks bis zur Analyse und Umsetzung des Maßnahmenkatalogs. Unternehmensgröße und Branche seien dabei keine Kriterien. „Wir beraten auch einen Rauchfangkehrer-Betrieb“, wehrt sich Kapfer gegen Berührungsängste.

DREI ARBEITSSCHRITTE

Die Vorgangsweise einer Beratung ist mehrstufig: Nach der Situationsanalyse (Ermittlung des Fußabdrucks) werden Vorschläge geliefert, wie die Praxen klimaneutral gemacht werden können (Reduction Roadmap): In einer dritten Phase können die minimierten Emissionen der Ordinationen durch den Kauf von Klimazertifikaten kompensiert werden. Ambitionierte Unternehmen erstellen alljährlich auch einen Nachhaltigkeitsbericht, um Entwicklungen für sich und Dritte sichtbar zu machen.

© Margit Kapfer, Unternehmensberatung Denkstatt

MARKTDRUCK SCHAFFT ERNEUERBARE ENERGIE

Die Berechnung des Fußabdrucks einer Ordination basiert auf Checklisten. Dabei werden die Daten zu den Energieverbräuchen für Heizen, dem Unternehmensfuhrpark, Kältemitteln, Dienstreisen, An- und Abreise der Mitarbeiter und vieles mehr einbezogen. Auch Einkaufslisten, Beschaffungsausgaben und Logistikketten werden hinterfragt. Selbst die Wahl der Mittagsspeisen hinterlässt grobe Klimaspuren: Klimakiller Nummer 1 sind Butter, Käse und Rindfleisch mit bis zu acht Kilo CO2 pro Kilo. Ein gesondertes Augenmerk legt Kapfer dabei auf die Energiequellen, die für Licht und Wärme in den Praxisräumen sorgen. Wer sich noch nicht für die Versorgung mit erneuerbarer Energie entschieden hat, sollte dies ihrer Meinung nach rasch tun: „Die Wahl für die richtigen Tarife sendet ein klares Signal an Energieunternehmen, eine nachhaltige Energieversorgung voranzutreiben.“ Fakt ist: Wer sich mit Ökostrom aus nachhaltig erzeugter Energie versorgt, verbessert seine Emissionsbilanz spürbar.

TUAREG ODER TWINGO

Es macht auch einen deutlichen Unterschied, ob der Fuhrpark mit VW Tuareg, Toyota Prius Hybrid oder einem E-Car bestückt ist. Schwieriger ist es schon, die Pendel- und Anreisegewohnheiten der Mitarbeiter zu beeinflussen. Fakt ist, dass der durch die Ordination generierte Mitarbeiterverkehr in den betrieblichen Fußabdruck mit einberechnet werden muss. So verlangt dies das Standardregelwerk Greenhouse Gas (GHG) Protocol. In Europa zählt das GHG-Protokoll zu den meistgenutzten Messmethoden. Eine weltweite Standardisierung der Prüf- und Messverfahren von Energieemissionen steht bis heute aus (siehe Kasten „Messstandards: Frage der Werte„).

BEGRENZTER EINFLUSSBEREICH

Ein Problemfeld jeder individuellen Emissionsbilanz bleiben die Dämmwerte der genutzten Immobilie. MedizinnerInnen in angemieteten Räumlichkeiten haben keinen oder wenig Einfluss auf die Energieeffizienz der eigenen Adresse. Margit Kapfer setzt in diesem Punkt auf gesteigerte Bewusstseinsbildung: „Ein entsprechendes Gespräch mit der Hausverwaltung zeigt allen Beteiligten, dass das Thema an Gewicht gewinnt.“ Der Wert einer Immobilie wird in Zukunft immer stärker an ihrer Energieeffizienz bemessen werden, ist sich Kapfer sicher.

DER ZERTIFIKATSABLASS

Klienten erhalten nach Auswertung der Daten von Margit Kapfer einen Bericht mit Vorschlägen, wie die Emissionsbilanz der Praxis optimiert werden kann. Dabei können der Umstieg auf Öko-Tarife bei Strom, ein Umbau des Fuhrparks oder eine Änderung der Reisegewohnheiten – eine Bahnfahrt spart 80 Prozent der Emissionen einer Flugzeugreise – Bestandteil eines Optimierungsprozesses sein. Um tatsächlich klimaneutral zu werden, müssen die - nach den Verbesserungsmaßnahmen - verbleibenden Emissionen durch den Kauf von Klimazertifikaten kompensiert werden. Die Beraterin rät dabei zur „großen Vorsicht. Es finden sich am Zertifikatsmarkt dubiose Projekte, die letztendlich den Betrieb von Kohlekraftwerken unterstützen.“ Derartige Konstrukte würden zwar formale Kriterien erfüllen, ohne aber tatsächlich Treibhausgasemissionen einzusparen. Seriöse Berater empfehlen den Kauf von Zertifikaten, die überprüft worden sind und für die sie auch garantieren können. Erst mit der Kompensation der Restemissionen erwirbt eine Ordination das Gütesiegel „klimaneutrales Unternehmen“.

KÖRNER ZÄHLEN

Unterm Strich zählen Arztpraxen nicht zu den großen Übeltätern des Klimawandels. Margit Kapfer geht von Durchschnittswerten von 300 bis 400 Tonnen CO2 pro Praxis aus, was typisch für ein kleines (Gesundheits)Dienstleistungsunternehmen mit bis zu fünf Mitarbeitern ist: Zwei Tonnen CO2 darf jeder Mensch jährlich verursachen, damit wir den Treibhauseffekt nicht verstärken. Im Durchschnitt emittierte ein Österreicher 2018 je nach Berechnungsart zwischen 8,16 (Europäische Kommission) und 10,5 Tonnen (Österreichisches Umweltbundesamt) CO2 im Jahr, wenn die gesamten unternehmerischen und privaten Emissionen zugrunde gelegt werden. „Jedes Sandkorn zählt“, ist sie überzeugt.

Messstandards: Frage der Werte

Lange war es außerordentlich schwer, Klimagasemissionen von Unternehmen angemessen zu vergleichen. Ein Hauptgrund dafür war die uneinheitlich gewählte Abgrenzung von Klimabilanzen. Das Greenhouse Gas Protocol, ein von mehreren NGOs entwickelter und weithin anerkannter Berichtsstandard, hat dabei in Europa die Führungsrolle eingenommen. Das Protokoll ist nach den Bereichen der unmittelbaren und mittelbaren Verantwortlichkeit des Verursachers aufgebaut. Wie weit kann der Einzelne seine Emissionen beeinflussen?

Scope-1-Emissionen stammen aus eigenen Anlagen und Quellen (Wahl der Heizenergie, Kältemittel, Unternehmensfuhrpark). Scope-2-Emissionen entstehen durch die Wahl der Energieproduzenten (Fernwärme, Biomasse). Scope-3-Emissionen beschreiben hingegen die indirekten Emissionen, die lange Zeit in einer Gesamtbilanz nicht einbezogen wurden. Dazu gehören An- und Abreise der Mitarbeiter, Dienstreisen, externe Dienstleister, Transportaufwand der Waren etc.

Warum Sie diese Geschichte lesen sollten

Eine klimaneutrale Ordination unterstreicht die Werteorientierung des Inhabers/Inhaberin. Neben der gesellschaftlichen Verantwortung bewegen betriebswirtschaftliche (Energieeffizienz!) und patientenmotivierte Gründe (Image!) MedizinerInnen, den CO2-Footprint zu bemessen und zu neutralisieren. Dabei wird ein zumindest dreistufiger Prozess aus Situationsanalyse, Reduktionsphase und Kompensationsmaßnahmen aufgesetzt. Ein derartiger Vorgang ist bei einiger Hartnäckigkeit für eine durchschnittliche drei- bis fünf-Personen-Ordination leicht umsetzbar. Am Ende steht neben einem imageträchtigen Zertifikat das Wissen, was den klimarelevanten Unterschied zwischen einem Flug und einer Bahnfahrt zum nächsten Ärztekongress ausmacht. Aus abstrakten CO2-Tonnen werden konkrete Maßnahmen.

© Springer Medizin, Wien

Letzte Aktualisierung: 21.12.2020