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TELEMEDIZIN: TIPPS ZUR DATENSICHERHEIT UND ABRECHNUNG

© Springer Wien

Die Corona-Pandemie zwingt uns dazu: Immer mehr Ordinationen nutzen die Möglichkeiten der Videotelefonie, um Kontakt zu den Patienten zu halten.

An eine Pandemie kann man sich nicht gewöhnen. Dr. Wolfgang Mückstein, Partner im Wiener Primärversorgungszentrum Mariahilf, sitzt sichtlich betroffen vor einem leeren Wartezimmer. „Unser Patientenaufkommen hat sich halbiert. Die Arztkontakte betragen überhaupt nur mehr zehn Prozent eines normalen Arbeitstages“. Es geht nicht nur der Umsatzentgang, es ist der Sturz des Alltags, was ihn bewegt. Der Stand der positiv Getesteten belief sich zum Zeitpunkt des Interviews nur auf 2.388, aber der Ernst war allen klar. „Die Patienten meiden soziale Brennpunkte“, sagt Mückstein, „und Ordinationen gehören dazu.“
Die Nöte der Bevölkerung spürt man nicht mehr im Wartezimmer, sondern aus der Ferne. „Wir hatten am ersten Arbeitstag der Ausgangsbeschränkungen rund 1.200 Anrufe.“ Im Primärversorgungszentrum (PVZ) Mariahilf machten inklusive Ärzte zwölf Mitarbeiter 10 Stunden lang Telefondienst. Anfangs waren nur 4 verfügbar, die rasch überlaufen waren. Eine Woche später verfügte das PVZ Mariahilf über 10 Leitungen. „Wir werden sehen, ob wir damit auskommen.“ Mückstein ist besorgt, denn Kapazitätssteigerungen seien schwer zu organisieren – personell und technisch.

Fortschritt mit Startschwierigkeiten

Was über Jahre undenkbar war, ist plötzlich möglich. Gespräche, die mehr als nur administrative Belange betreffen, dürfen von allen Kassenärzten in Rechnung gestellt werden. Dass dabei je nach Bundesland nur zwischen 8 und 10 Euro für die erste Konsultation und null Euro für jede weitere telemedizinische Beratung verrechnet werden, gehört zu den Startschwierigkeiten, die man hoffentlich überwindet. Dr. Ernst Berger, emeritierter Primar und praktizierender Facharzt für Psychiatrie gilt als Vorkämpfer der videobasierten Telemedizin: „Unter dem Druck der Krise wird vieles umgesetzt, wogegen sich viele mit aller Macht sträubten.“ Wird die Versorgungssicherheit unsicher, rücken digital gestützte Beratungsformen in den Fokues. Schon vor der Pandemie vertrauten Psychologen und Psychiater der Telemedizin: Doch schränkt Berger ein: „Telemedizin ist für viele Fachgebiete nur eine Ergänzung und kein Selbstzweck“.
Das Umdenken hat ein Datum: Seit 16. März 2020 dürfen „Vertragsärzte für eine telefonisch, per Videokonferenz oder über sonstige elektronische Medien durchgeführte Beratung eine Teleordination verrechnen“, heißt es stellvertretend für die anderen Versicherer auf der Homepage der Sozialversicherung für Selbständige SVS. SARS-COVID-19 zwingt dem Gesundheitssystem den Schritt ins digitale Zeitalter auf.

Gunst der Stunde

Während der ersten Brennpunkttage wurden in Mariahilf 60 bis 80 Patientenkontakte täglich per Video abgehalten. Das Prozedere ist niedrigschwellig: Die Patienten melden sich auf der Homepage an. Die technischen Verfahren selbst sind heute schnell durchsetzbar. Das PVZ Mariahilf nützt das gesicherte Videosystem des Unternehmens Instahelp, das ursprünglich für Videosprechstunden von Psychologen entwickelt worden ist. Die auf die Bedürfnisse niedergelassener Ärzte modifizierte Version Instadoc wurde von dem Grazer IT-Unternehmen für vorläufig drei Monate kostenlos für alle interessierten Ordinationen zur Verfügung gestellt. Geschäftsführerin Bernadette Frech hat zu Beginn der Krise entschlossen reagiert: „Wir wollten das Angebot der Videosprechstunde etwas später auf den niedergelassenen Bereich ausdehnen, doch jetzt haben wir den Rollout vorgezogen.“ 200 Ordinationen hätten das Angebot bislang genutzt.

Wenn Ärzte zweimal klingeln

Die öffentlichkeitswirksame Aktion steht nicht allein, andere videogestützte Plattformen öffnen ihre Dienste kostenlos für den Gesundheitsbereich. Das Wiener Kommunikationshaus SAVD ist spezialisiert auf videogestützte Dolmetscherdienste – anfänglich ausschließlich für Gesundheitseinrichtungen, später für Bereiche der Justiz und Pflegeeinrichtungen. „Die Arzt-Patienten-Kommunikation ist seit langem ein logisches Einsatzgebiet der Telemedizin“, sagt Feldin Smajlovic, Geschäftsführer der SAVD Videodolmetschen GmbH. Er hofft auf den Durchbruch von eHealth. Der Dienst ist multipointfähig, was heißt, dass während eines Gesprächs andere Ärzte hinzugeschaltet werden können. Dies eröffnet weitere Möglichkeiten, etwa zur Teleradiologie, bei der Bilder von Fachärzten beurteilt werden, die sich nicht am gleichen Ort befinden. Die SAVD-Plattform ist für Ärzte 30 Tage kostenlos. Und es gibt weitere Anbieter: Die Ärztekammer für Wien hat unter dem Suchbegriff Telemedizin eine unverbindliche Adressliste mit 14 Unternehmen gepostet (bit.ly/videotelefonie-aek), die Software zur sicheren Videotelefonie bereitstellen.

Untertitel: Wie sich die Zeiten ändern. Noch vor fünf Jahren war Telemedizin so beliebt wie ein Kühlschrank am Südpol. Ein Virus aus China hat alles auf den Kopf gestellt, erreichte das Videosprechstunden nach vielen Jahren des Blockierens nun abgerechnet werden können. Allerdings ist der Ärztekammer das von der Krankenkasse in Aussicht gestellte Honorar deutlich zu niedrig.

Fazit

  • Die Corona-Krise forciert Videosprechstunden in Österreichs Ordinationen. Telemedizinischen Krankenbehandlungen können jetzt wie eine in der Ordination erbrachte Leistung abgerechnet werden.
  • Die Hardwarevoraussetzungen beschränken sich bei Arzt und Patient auf videofähige Laptops, Tablets oder Smartphones.
  • Wichtig ist der Einsatz von verschlüsselter Video-Software. Herkömmliche Videoprogramme von Zoom bis WhatsApp sind für den medizinischen Gebrauch nicht geeignet.

Letzte Aktualisierung: 21.12.2020