GESCHLECHTSSPEZIFISCHE UNTERSCHIEDE IN DER SCHMERZBEHANDLUNG

Vortrag von: OÄ Dr. Waltraud Stromer
Bericht von: Isabella Palmberger

Frauen leiden häufiger unter Schmerzen und weisen eine höhere Schmerzintensität auf. Frauen haben häufiger akute postoperative Schmerzen. Mit ansteigendem Alter senkt sich die Schmerzintensität bei Frauen um den Faktor 0,28. Ebenso wird der Schmerz bei Frauen schneller chronisch. Erkrankungen wie Kopfschmerzen, Migräne, Spannungskopfschmerz, rheumatoide Arthritis oder Fibromyalgie treten bei Frauen häufiger auf und verursachen stärkere Schmerzen als bei Männern.

Ebenso leiden Frauen häufiger unter Depressionen, haben intensivere, länger andauernde Schmerzen und geben spezifische Schmerzregionen an. „Mehr alterssoziale und psychische Faktoren scheinen hier eine Rolle zu spielen, sind aber nicht allein ausschlaggebend, denn im Alter von 20-45 Jahren leiden überwiegend Frauen an Migräne. So scheinen mir doch andere Mechanismen beteiligt zu sein. Kein Mechanismus in sich allein macht diesen Unterschied, sondern ein Konglomerat von biologischen, hormonellen, genetischen und psychologischen Aspekten, Angst und Depression sowie soziokulturellen Aspekten in der Gesellschaft.“

Ebenso reagieren Frauen mit einer höheren Schmerzintensität auf elektrische und thermische Druckreize. Die durch Druck erregten Schmerzfasern scheinen hier eine große Bedeutung zu haben, insbesondere die nozizeptiven Fasern unterliegen der endogenen Schmerzhemmung, welche bei Frauen schlechter ausgeprägt ist. 
Frau OÄ Dr. Stromer weist ebenfalls auf eine deutlich sensiblere Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem von Frauen hin. So wird bei Frauen das limbische, das "soziale System" und beim Mann das analytische und kognitive Frontalhirn erregt.

Die Sexualhormone- Androgen, Östrogen und Progesteron

„Androgene, Östrogene und Progesteron haben einen Einfluss auf die Schmerzempfindlichkeit und sind immer in einem Zusammenhang in einer dynamischen Veränderung zu sehen“, setzt Frau OÄ Dr. Stromer den nächsten Absatz fort.
Androgene wirken schmerzhemmend. Sie hemmen die Schmerzchronifizierung und sind antiinflammatorisch wie auch das Progesteron. Östrogene hingegen haben eine entzündungsfördernde Wirksamkeit, weshalb rheumatologische Erkrankungen oder Schmerzsymptome dieser Art in Phasen mit hohem Östrogenspiegel deutlicher ausgeprägt sind: So zeigt sich, dass die Schmerz- und die Toleranzschwelle von Frauen bei geringen Östrogenspiegeln am höchsten sind, während die Schwellen bei hohen Östrogenspiegeln niedriger liegen.

Hormone in der Schwangerschaft

Oxytocin stärkt das endogene Hemmsystem und die Ausschüttung von Progesteron. Es kommt zu einer Zunahme von Endorphinen und Enkephalinen im Plasmaspiegel. Nach der Geburt fällt der Progesteronspiegel schnell wieder auf den Ausgangsspiegel ab. 17-Beta-Estradiol spielt in der Schwangerschaft bei der Erhöhung der Schmerzschwelle ebenfalls eine wichtige Rolle: Es kommt zu einer vermehrten Ausprägung und Aktivierung von δ- und κ- Rezeptoren auf der Rückenmarksebene. Durch das Binden von Östrogen an Mastzellen kommt es während der Schwangerschaft zur Freisetzung von Entzündungsmediatoren, wodurch während der Schwangerschaft verstärkt entzündungsbedingte Erkrankungen auftreten können.

Doch nicht nur Hormone tragen zu einem unterschiedlichen Schmerzempfinden bei, sondern auch unsere Gene„So reagieren Patientinnen mit einer doppelten Allel-Variante des Melanocortin-1 Rezeptorgens, wie Pippi Langstrumpf – rotes Haar und blasse Haut – besser auf κ- Rezeptorantagonisten.“  

Wirksamkeit von Analgetika bei Mann und Frau

Bei der Wirksamkeit von Analgetika bestehen geschlechtsbezogene pharmakokinetische und pharmakodynamische Unterschiede. Ebenso haben Ernährungsgewohnheiten, Magensäuresekretion, Magendurchblutung, gastrointestinale Resorption und die Magen-Darmpassage, die bei hohen Östrogenspiegeln verlängert ist, einen Einfluss auf die Aufnahme von Analgetika. Weiters spielt die Verteilung von Fett-, Wasser- und Muskelmassen eine wichtige Rolle: So verteilen sich lipophile Medikamente, wie z.B. Opioide, besser im Fettgewebe. Dies hat zur Folge, dass Opioide zeitversetzt, aber länger wirken. Nebenwirkungen sind dabei bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern.

Opioide sind besonders bei hohen Östrogenspiegeln aufgrund der Sensibilisierung von δ- und κ- Rezeptoren sehr wirksam. Da Frauen somit eine höhere Rezeptorsensitivität aufweisen, benötigen sie postoperativ eine geringere Opioid-Dosierung als Männer. Dies ändert sich jedoch mit der Menopause: Durch den Abfall des Östrogenspiegels und die geringere Rezeptorsensitivität benötigen nun auch Frauen eine höhere Opioid-Dosis.
Ibuprofen scheint bei Frauen eine schlechtere analgetische Effektivität zu besitzen, während die antiinflammatorische Effektivität bei Mann und Frau gleich ist. Paracetamol wiederum zeigt bei Frauen höhere Plasmaspiegel als bei Männern, weshalb im Hinblick auf eine mögliche Schädigung der Leber besondere Vorsicht bei der Dosierung geboten ist.

 

Frau OÄ Dr. Waldtraud Stromer
mit Florence Vetter, Sanofi
© Sanofi

Psychologische Aspekte

Im Umgang mit und in der Wahrnehmung von Schmerz und Schmerzäußerungen werden auch kognitive und psychische Aspekte untersucht. Die Schmerzempfindlichkeit scheint durch Angst, Depression und Frustration beeinflusst zu werden.

Frau OÄ Dr. Waldtraud Stromer promovierte 1994 zum Doktor der gesamten Heilkunde. Sie absolvierte ihre Facharztausbildung „Anästhesie und allgemein Intensivmedizin am Landesklinikum Waldviertel Horn und arbeite seit 2004 als Oberärztin an der Abteilung für Anästhesie und allgemeine Intensivmedizin. Seit 2017 ist sie Vorsitzende der Sektion Schmerz der OGARI und Vizepräsidentin der OGARI.

Letzte Aktualisierung: 14.05.2018