POLIO – DIE GRÖSSTE IMPF-KAMPAGNE ALLER ZEITE

Die unheimliche Lähmung

Wer in den 60er Jahren oder später aufgewachsen ist, kann sich kaum mehr die Verzweiflung vorstellen, die die Diagnose Poliomyelitis, landläufig „Polio“ genannt, bei Eltern früher auslöste. Vor allem Kinder und Jugendliche wurden, meistens im Hochsommer, von einer unerklärlichen Infektion befallen, die mit Fieber begann und oft mit dauerhafter Lähmung endete, in vielen Fällen sogar mit dem Tod der jungen Patienten. Heute denken Eltern in Industrieländern kaum mehr an Polio. In der indischen Provinz Bihar, im nördlichen Teil Nigerias oder im südlichen Afghanistan ist die Situation allerdings ganz anders. Dort lebt sie noch - die Angst vor der unheimlichen Lähmung.

Karl Landsteiners Verdienst um die Ausrottung von Poliomyelitis

Die erste Polio-Infektion trat in den USA 1894 auf, entdeckt wurde das Virus allerdings in Österreich. Karl Landsteiner, später für die Erforschung der Blutgruppen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, isolierte 1904 den Poliovirus. Er injizierte dazu Rhesus-Affen eine Emulsion, die er aus dem Rückenmark eines an Polio verstorbenen Kindes gewonnen hatte. Es war einer der großen Durchbrüche im Kampf gegen Infektionskrankheiten und der erste Schritt zur Ausrottung von Polio.

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Franklin D. Roosevelt: präsidiales Crowdfunding gegen Poliomyelitis

1916 fielen in New York und den umliegenden Bundesstaaten mehr als 27.000 Menschen einer schweren Polio-Epidemie zum Opfer, 80 Prozent davon waren Kinder unter fünf Jahren. Prominentester Betroffener war der spätere US-Präsident Franklin D. Roosevelt. Die Nachricht kam für viele Forscher überraschend, denn Roosevelt war bereits 39 Jahre alt und stammte – im Gegensatz zu den meisten Patienten – aus einer wohlhabenden Familie. So tragisch die Erkrankung für den späteren Präsidenten war – sie stellte auch einen wichtigen Wendepunkt in der Bekämpfung von Polio dar. Durch seine Initiative startete die größte Spenden-Offensive aller Zeiten für medizinische Forschung. Auf heutige Währung übertragen wurden mehr als 3 Milliarden Dollar gesammelt. Doch die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs sollte sich als langwierig erweisen.

Lebend- oder Totimpfstoff: der lange Weg zur Polio-Impfung

Schon zu Beginn der Forschung teilten sich die Meinungen der Virologen. Die meisten Experten präferierten einen Lebendimpfstoff, da sie durch diesen eine nachhaltigere Wirkung erwarteten. Andere wiederum forschten an einem Totimpfstoff, den sie für ebenso wirkungsvoll aber weniger riskant erachteten. Schließlich waren Totimpfstoffe auch gegen Cholera oder Typhus wirksam eingesetzt worden. Letzteren gehörte ein junger Forscher aus Pittsburgh namens Jonas Salk an. Salk und sein Team arbeiteten zwischen 1949 und 1952 verbissen an einer Impfung. 1954 wurde diese – im größten Impftest der Geschichte – an 1,3 Millionen Kindern getestet. Vorausgegangen war die bis dahin schwerste Epidemie in den USA mit über 57.000 Erkrankten. Obwohl Salks Impfstoff nicht zu 100 Prozent wirksam war, sank die Anzahl der Polio Fälle in den USA in den Folgejahren um mehr als die Hälfte.
Zehn Jahre später sollte sich weltweit die Schluckimpfung mit einem Lebendimpfstoff – entwickelt von Salks erbittertsten Widersache Jonas Sabin – durchsetzen. Erst seit 1998 empfiehlt die "Ständige Impfkommission" die Polio-Impfung nur noch per Injektion mit dem Totimpfstoff (IPV) nach Salk.

Die Geschichte von Polio bleibt bis heute ein herausragendes Beispiel für den Beitrag der medizinischen Forschung und einer konsequenten Impfpolitik zum Wohl der Menschheit.

Buchtipp

Dem Kampf gegen Polio widmete der amerikanische Pulitzer-Preisträger David M. Oshinsky ein lesenswertes Buch: „Polio. An American Story“ (erschienen 2005 im Verlag der Oxford University Press). Spannend und detailreich beschreibt er darin den Kampf gegen einen anfangs übermächtigen Gegner. Und einen späten Triumph, den viele Historiker höher einschätzen als die erste Mondlandung.

Letzte Aktualisierung: 24.04.2018