DER SINN DES LEIDS: KREBS UND SCHMERZ AUS PHILOSOPHISCHER SICHT


 

Für Krebspatienten sind Tumor- oder therapiebedingte Schmerzen oft jener Aspekt ihrer Erkrankung, der für sie am angsterregendsten ist. Da die Schmerzen in jedem Krebsstadium auftreten können, geben sie immer neuen Anlass zur existenziellen Verunsicherung – und werden gleichsam zum Symbol des Leids, für das der Schmerzgeplagte keine Erklärung findet: Warum tut es so weh? Warum ich? Was ist der Sinn des Leids? Weil vielen Menschen das christliche Weltbild abhandengekommen ist, können sie die körperlichen und seelischen Schmerzen nicht als gottgesandte Strafe oder Prüfung annehmen. Weil unserer Leistungs- und Erfolgsgesellschaft der Sinn für die conditio humana und die Grenzen der Machbarkeit fehlt, sind Schmerzen oft nur als ein notwendiger Bestandteil menschlicher Existenz begreifbar.

Aber muss sich der Leidende deshalb allein fühlen in seinem Schmerz?

DAS SCHMERZBILD NACH WITTGENSTEIN

Für Ludwig Wittgenstein (1889–1951), den Mitbegründer der sprachanalytischen Philosophie, sind Schmerzen schlichtweg nicht kommunizierbar: „Ich kann nur glauben, dass der andere Schmerzen hat, aber ich weiß es, wenn ich sie habe“, lautet eines seiner Zitate. Demnach bleibt das Schmerzempfinden ein strikt auf das einzelne Individuum beschränktes Erleben. Allerdings räumt Wittgenstein ein: „Wenn ich von mir selbst sage, ich wisse nur vom eigenen Fall, was das Wort ‚Schmerz‘ bedeutet – muss ich das nicht auch von den anderen sagen?“ Wittgensteins berühmtes Schmerzbild ist somit das eines Käfers in einer Schachtel: Jeder trägt gleichsam seine eigene Schachtel umher, aber niemand kann in die Schachtel des anderen hineinsehen und überprüfen, was und ob sie überhaupt etwas enthält. Die Schlussfolgerung des Philosophen: Das Sprechen über Schmerzen kann nicht nach dem Schema „Bezeichnung und Gegenstand“ erfolgen; es ist nur verständlich als Teil einer Tätigkeit oder Lebensform.

Was heißt das im Kontext einer Krebserkrankung? Bleibt der Knochen- oder Organschmerz des anderen damit notwendig unverstehbar? Dies kann nur annehmen, wer davon ausgeht, Sprache käme stets verbal daher: in klar artikulierbaren Worten, Begriffen, Sätzen – nicht aber in Blicken, Gesten, Regungen. Wer allerdings je in die Augen eines Schmerzen leidenden Menschen gesehen hat, kann das, was in diesem vorgeht, meist durchaus nachspüren – bis hin zu einer realen Empfindung eines physischen Schmerzes. Solange man zur Empathie fähig ist, tritt man quasi automatisch in Resonanz zu dem Schmerzleidenden und schwingt gleichsam mit dem fremden Leiden mit.

Unser Selbst ist kein vom Rest der Welt abgetrenntes Ego – auch wenn Wittgensteins aufs Subjekt zentrierter so wie der aufs „Ich“ und „Meins“ eingeengte (selbst)therapeutische Diskurs der Moderne dies nahelegen mögen. Wenn man zugibt, dass das „Ich“ sich im Kontext der jeweiligen Umwelt und in und durch Beziehungen zu anderen permanent entwickelt und weiterentwickelt, dann leuchtet es auch nicht ein, warum die verbale Unmitteilbarkeit des Schmerzes ins Gewicht fallen sollte. Dann geht es überhaupt nicht mehr ums Verstehen, sondern ums Miteinanderteilen. Der Mensch ist ein Lebewesen, das nicht nur unreflektiert existiert – er kann auch innerlich einen Schritt von sich selbst zurücktreten und versuchen, das, was er gerade erlebt, nachfühlend zu interpretieren und einen Sinn darin zu finden.

GETEILTE „SCHMERZ-ERFAHRUNG“

Im vergangenen Dezember gratulierte mir eine ehemalige Schulkameradin zum Geburtstag und teilte mir zugleich mit, dass sie sehr traurig sei – eine ihrer besten Freundinnen war nach langem Leiden an Brustkrebs verstorben. Am selben Tag telefonierte ich mit einer anderen, fast achtzigjährigen Freundin, die – auch an Krebs erkrankt – wegen ihrer höllischen Knochenschmerzen verzweifelte. An diesen Geburtstag werde ich mich immer erinnern – weil es das erste Mal war, dass jemand in meinem Alter, den ich auch gekannt hatte, gestorben ist; weil ich weiß, dass meine fast achtzigjährige Freundin auch bald sterben wird. Und dass mein Schmerz darüber fortan Teil meines Lebens sein wird; dass viele ähnliche Schmerzerfahrungen folgen werden.

Wenn das Leid einen letzten Sinn hat, kann dieser nur in einer geteilten „Schmerz-Erfahrung“ bestehen, in der Notwendigkeit, einander zuzuhören, zu trösten und füreinander da zu sein. Viktor von Weizsäcker formulierte es treffend: „Es ist also nicht geboten, über Schmerzen etwas auszusagen, sondern sich ihnen schweigend zuzuwenden, um auf sie zu hören.“

Zur Person

Rebekka Reinhard ist freie Philosophin, Keynote Speaker und Spiegel-Bestsellerautorin. Sie hat an der Freien Universität Berlin in Amerikanistik mit dem Schwerpunkt Philosophie promoviert und ihre Dissertation zum Thema „Perspektiven des postanalytischen und dekonstruktivistischen Antifoundationalism: Eine Rekonstruktion ethisch-politischer Theoriebildung aus der Sinnkomplexion sprachlicher Akte“ verfasst.

Reinhard war als philosophische Beraterin für stationäre Patienten der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der LMU München sowie als Referentin im universitären Bereich, an Bildungs- und Gesundheitsinstitutionen und für Ärztekongresse tätig. Darüber hinaus ist sie stellvertretende Chefredakteurin des Philosophiemagazins „Hohe Luft“ und war im Beirat der Dr.-Reisach-Akademie der Adulaund Hochgrat-Klinik.

Letzte Aktualisierung: 18.03.2021

REFERENZEN

Bertelsmann Stiftung: Spotlight Gesundheit Nr. 2, 2018. Gesundheitsinfos.
Wer suchet, der findet – Patienten mit Dr. Google zufrieden.

Parker, R. (2009): Measures of Health Literacy. Workshop Summary: What?
So What? Now What?, The National Academies Press, Washington.

Pelikan, J. M.; Röthlin, F.; Ganahl, K. (2013): Die Gesundheitskompetenz der österreichischen Bevölkerung – nach Bundesländern und im internationalen Vergleich. Abschlussbericht der Österreichischen Gesundheitskompetenz (Health Literacy) Bundesländer-Studie. LBIHPR Forschungsbericht.

https://oepgk.at/gesundheitskompetenz-was-ist-das/.