ÄNGSTE, SORGEN, DEPRESSIONEN – EIN BLICK IN DIE PSYCHE VON KREBSPATIENTEN

Psychische Probleme wirken sich auch auf die Behandlungsprognose aus.

Die Diagnose Krebs kommt meist nicht allein. Etwa jeder dritte Krebspatient erlebt auch psychische Probleme wie Angststörungen, Depressionen oder Anpassungsschwierigkeiten.1 „Vor allem kurz nach der Diagnose und bei Beginn der Behandlung durchlaufen die meisten Krebspatienten einen sehr unangenehmen Disstress-Zustand“, sagt Gerhard Schüßler, Direktor der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie an der Medizinischen Universität Innsbruck und Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychoonkologie.

„Das Ausmaß der seelischen Belastung hängt stark vom jeweiligen Tumor, der Prognose sowie davon ab, wie invasiv die Behandlung ist. Metastudien haben gezeigt, dass bei etwa 40 bis 50 Prozent der Patienten der Disstress stärker ist; man spricht dann von Anpassungsschwierigkeiten. Einige Patienten entwickeln in der initialen Phase aufgrund der vielen Unklarheiten über den Behandlungsverlauf eine Angststörung, die aber häufig wieder abklingt. Je jünger die Patienten, desto anfälliger sind sie für psychische Probleme, weil sie üblicherweise durch die Krebsdiagnose in ihrer Lebensplanung viel stärker beeinträchtigt sind als ältere Menschen“, konkretisiert Schüßler.

DEPRESSIVE ZUSTÄNDE MIT GRAVIERENDEN FOLGEN

Die häufigsten psychischen Probleme bei Krebspatienten sind depressive Zustände bis hin zu Selbstmordgedanken, sagt Schüßler. „Eine Depression kommt bei Patienten mit ungünstig verlaufenden Tumoren und einer langwierigen Behandlung dreimal häufiger vor als in der Normalbevölkerung. Das hat gravierende Folgen: Bei einer klinisch relevanten Depression verschlechtert sich die Behandlungsprognose, weil die Patienten weniger aktiv mitarbeiten. Sogar die Sterblichkeit erhöht sich. Krebspatienten mit einer Depression sollten deshalb dringend psychologisch behandelt werden.“ Schüßler schließt auch die Verschreibung von Antidepressiva nicht aus, wobei das wegen der möglichen Nebenwirkungen in Kombination mit der Krebsmedikation nicht immer einfach sei.
 

FAHRT AUF DER GEFÜHLSACHTERBAHN

„Die Diagnose Krebs verändert fast immer alles. Bei vielen entstehen die klassischen Bilder im Kopf, dass Krebs automatisch zum Tod führt. Betroffene haben das Gefühl, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, dass sie aus dem Leben fallen. Die Diagnose löst oft eine Gefühlsachterbahn aus Ängsten, Sorgen und Unsicherheit aus. Es stehen schwierige und folgenschwere Entscheidungen an: über die Behandlung, die weitere Erwerbstätigkeit, die Rollenverteilung in der Familie und finanzielle Angelegenheiten. Krebspatienten haben daher mit einer ganzen Bandbreite an psychischen Belastungen zu kämpfen“, erzählt Monika Hartl, Psychoonkologin und Sprecherin der Österreichischen Krebshilfe- BeraterInnen. 2019 fanden bei der Österreichischen Krebshilfe rund 22.700 Beratungsgespräche statt. Dabei ist der Umgang mit den psychischen Belastungen laut Hartl ganz individuell – sie spricht von einer „intimen Reaktion“. Einen großen Einfluss hätten die eigene psychische Grundverfassung, die jeweilige Prognose, das Vertrauen in die Behandlung sowie das soziale Umfeld.

SOZIALES NETZWERK ALS SCHLÜSSELFAKTOR

„Das soziale Netzwerk spielt eine ganz wichtige Rolle, um die Krankheit und ihre Begleiterscheinungen besser zu verarbeiten. Mit der Diagnose Krebs werden die Betroffenen oft erstmals mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. In dem Zusammenhang stellen sich nicht nur medizinische Fragen, sondern auch Fragen nach der Lebensqualität“, sagt Iris Herscovici. Sie ist Gründerin der Onlineplattform selpers.com, die Patient und deren Angehörige über Krankheiten aufklärt und sie im Umgang mit der Krankheit unterstützt. Dem Thema Krebs widmet die Plattform knapp 60 Kurse.

Bei Krebspatienten würden vor allem kurz nach der Diagnose zwei Extreme auftreten, sagt Herscovici: „Einerseits haben sie einen sehr großen Informationsbedarf, auf der anderen Seite befinden sie sich aber in einer Schockstarre. Sie sind dadurch oft gar nicht aufnahmefähig. Das erhöhte Stresslevel beeinträchtigt erwiesenermaßen die Merkfähigkeit.“ Herscovici hält es daher für ratsam, dass Patienten zu Arztgesprächen eine Vertrauensperson aus der Familie oder dem Freundeskreis mitnehmen. Diese kann einerseits helfen, die Informationen zu sammeln und zu strukturieren, und bringt andererseits eine andere Perspektive ein.

Eine Weichenstellung für die psychische Verarbeitung der Krebserkrankung erfolgt laut Herscovici schon bei der Erstdiagnose. „Es ist ganz entscheidend, wie die Erstdiagnose verlaufen ist – ob das Gespräch einfühlsam war, welche Prognose der Patient erhält und wie gut er informiert wird“, sagt sie. Information und in weiterer Folge das Wissen über die individuelle Krebserkrankung erachtet sie generell als sehr wichtig: „Wenn man über die Krebsart und die konkreten Therapiemöglichkeiten Bescheid weiß und darüber hinaus auch weiß, was man selbst beitragen kann, gewinnt man ein Stück Kontrolle über sein Leben zurück.“

COVID-19: WUNSCH NACH UND ANGST VOR NÄHE

Große Verunsicherung habe nun die Pandemie gebracht, sagt Herscovici. „Erstens gab es von Anfang an Unsicherheit über die besonders gefährdeten Personen: Zählt zum Beispiel jemand, der vor fünf Jahren Krebs hatte und als geheilt gilt, zur Risikogruppe oder nicht? Zweitens war vielen Krebspatienten nicht klar, was sie tun dürfen beziehungsweise sollen und was nicht, um sich nicht zu gefährden. Und drittens haben manche Patienten durch den Lockdown das Gefühl, dass ihnen die Zeit davonläuft.“

Hartl berichtet, dass die meisten Betroffenen zwar Verständnis für ihre Isolierung in der Pandemie, aber trotzdem ein großes Bedürfnis nach Unterstützung und Nähe von Vertrauenspersonen hätten. „Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Nähe und der Angst vor Nähe. Auch bei wichtigen Befund- und Therapiegesprächen sind normalerweise Bezugspersonen dabei, die Sprachrohr und emotionale Unterstützung sein können. Aufgrund von Covid-19 ist das nun oft nicht mehr möglich. Manche Krankenhäuser stellen jedoch Tablets zur Verfügung und ermöglichen dadurch eine Anwesenheit über Videotelefonie.“

DIE ROLLE DER ANGEHÖRIGEN

Dabei weiß die Psychoonkologin auch um die Belastungen für Angehörige und Freunde: „Es ist für Angehörige und Freunde von Erkrankten nicht einfach: Sie wollen helfen, sind aber hilflos. Viele Krebspatienten verlieren Freunde, weil diese nicht wissen, wie sie mit der Krankheit umgehen sollen. Am besten funktioniert das im Miteinander: Der Betroffene muss klar sagen, was er möchte, ob er zum Beispiel nicht über den Krebs, sondern lieber über den Alltag sprechen will oder umgekehrt. Diese Bedürfnisse verändern sich ständig, weil man sich in einer Gefühlsachterbahn befindet.“

Wichtig ist laut Hartl auch, dass Angehörige die Entscheidungen des Erkrankten akzeptieren und respektieren. „Wenn sich der Patient für eine bestimmte Therapie oder ein bestimmtes Krankenhaus entscheidet, sollte man nicht dagegenhalten und diese Entscheidung schlechtmachen. Es ist wie beim Autofahren: Als guter Beifahrer sollte man sich nicht einmischen“, bringt Hartl als Vergleich.

Doch was, wenn das so wichtige soziale Umfeld nicht vorhanden ist? „Wenn man alleine ist, muss man das unbedingt im Krankenhaus sagen. In allen österreichischen Krankenhäusern arbeiten klinische Psychologen, die die Patienten während ihres Aufenthalts begleiten. In tumorzertifizierten Krankenhäusern gibt es darüber hinaus spezielle psychoonkologische Dienste“, erläutert Hartl.

Allerdings würden nicht nur Patienten ohne soziales Netzwerk eine psychoonkologische oder psychotherapeutische Begleitung brauchen: „Psychoonkologie ist eine multidisziplinäre Fachrichtung mit dem Ziel, die Patienten zu unterstützen – im Umgang mit der Krankheit, bei der Behandlung von psychischen Belastungssituationen und beim Erreichen und Erhalten einer möglichst guten Lebensqualität“, schildert Hartl.

PSYCHOONKOLOGIE

Zu den Zielen der psychoonkologischen Betreuung zählen unter anderem:

• die Verminderung der psychischen Belastung,
• Angstbewältigung,
• die Stärkung des Selbstwertgefühls,
• das Kennenlernen und Fördern der Fähigkeiten und Stärken des Patienten,
• die Verminderung von möglichen Nebenwirkungen bei der Chemotherapie,
• die Unterstützung bei neurokognitiven Defiziten,
• das Erlernen und Erfahren neuer Möglichkeiten im Umgang mit der Erkrankung,
• die Förderung des Gesundheitsverhaltens und der Compliance,
• eine Einstellungsänderung zur Krebserkrankung,
• Neuorientierung sowie
• die Verbesserung der Kommunikation zwischen Patient und Partnern, Kindern, Angehörigen und Behandelnden.

SORGE AUCH NACH HEILUNG

Psychologische Begleitung von Krebspatienten macht nicht nur während der Therapie, sondern auch nach erfolgreicher Behandlung Sinn. Denn auch, wenn die Patienten den Krebs besiegt haben, bleibt die Angst vor einer Rückkehr der Krankheit – die sogenannte Rezidivangst. „Krebspatienten sind in der Regel sehr gut informiert. Sie wissen, dass der Krebs wiederkommen kann. Deshalb verspüren sie oft bei Kontrolluntersuchungen Panik, auch wenn sie schon wieder gesund sind. Eine Krebserkrankung erschüttert das Vertrauen in die eigene Gesundheit. Besonders hart trifft es jene, die immer schon gesund gelebt, sich gesund ernährt und bewegt, nicht geraucht oder Alkohol getrunken haben“, schildert Hartl.

Schüßler schätzt, dass eine lang anhaltende seelische Störung bei überlebenden Krebspatienten um etwa 20 bis 40 Prozent häufiger auftritt als in der Normalbevölkerung. Deshalb hält Herscovici die Nachsorge für die Psyche der Betroffenen für wesentlich. „Wenn Krebspatienten eine Therapie bekommen, sind sie in einer Struktur drinnen und haben ihre Anlaufstellen. Wenn dann die Therapie erfolgreich abgeschlossen ist, fallen diese Struktur und Anlaufstellen weg. Für die Betroffenen ist aber nicht von heute auf morgen alles wieder normal. Es stellen sich ganz viele neue, teils auch belastende Fragen: Wie kann ich beruflich wieder Fuß fassen? Will ich das überhaupt? Was, wenn ich einen Rückfall erleide? Diese Ängste und Sorgen gehen nicht weg. Hier brauchen Betroffene Unterstützung“, erklärt sie. „Solange es sich um krebsbezogene Themen handelt, können sowohl Patienten als auch deren Angehörige die kostenfreie Beratung und Therapie der Österreichischen Krebshilfe in Anspruch nehmen“, sagt Hartl. Oft würden aber auch andere Lebensthemen auftauchen, die dann bei niedergelassenen Psychotherapeuten weiterbearbeitet werden. „Das kann sich allerdings nicht jeder leisten, vor allem, wenn der Therapeut keinen Kassenvertrag hat. Die Kosten einer klinisch-psychologischen Behandlung werden nämlich derzeit noch nicht von der Krankenkasse ersetzt. Darüber hinaus müssen onkologische Patienten sehr oft finanzielle Einbußen hinnehmen, weil sie lange Krankenstände benötigen. Psychotherapie auf Krankenschein würde allen Betroffenen die Möglichkeit dazu bieten“, führt die Psychoonkologin weiter aus.

Auch Schüßler hält den Ausbau der Psychotherapie auf Krankenschein für zwingend notwendig. „Die Österreichische Gesellschaft für Psychoonkologie finanziert einen erheblichen Teil der Behandlungen über Spenden. Das wäre eigentlich Aufgabe der Krankenkassen“, kritisiert er.

Letzte Aktualisierung: 24.03.2021

REFERENZEN

  1. Mehnert et al.: Four-week-prevalence of mental disorders in patients with cancer across major Tumor entities, in: J Clin Oncol 32(31) 2014, S. 3540–3546.