DEN ANDEREN SEHEN LERNEN - ZWISCHENMENSCHLICHKEIT IN DER BEHANDLUNG

Patienten sind – nach dem lateinischen Ursprung des Wortes – „Leidende“, „Duldende“. Sie befinden sich qua Krankheit in einem Zustand der Passivität und Bedürftigkeit. Zu einer kompetenten medizinischen Behandlung gehört daher eine gute zwischenmenschliche Betreuung. Aber was heißt Zwischenmenschlichkeit genau, wie entsteht sie? In meiner langjährigen Tätigkeit als „Konsiliarphilosophin“ an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München durfte ich darüber einiges lernen.

Einmal wöchentlich nahm ich an der Teambesprechung mit Ärzten, Psychologen und Pflegern teil. Gemeinsam überlegten wir, für welche Patienten ein philosophisches Zusatzange bot zur Psychotherapie geeignet sein könnte. Der behandelnde Arzt stellte mich vor, und ich fragte den oder die Betreffende: „Lust auf eine gemeinsame Philosophiestunde?“ Das waren sechzig Minuten, in denen statt Coping-Strategie und Tagesstruktur Freiheit, Glück oder Liebe auf dem Programm standen – in denen es um die Intuitionen und Gedanken zweier Menschen über die ganz großen Fragen ging: Wie kann ein Leben gelingen? Was ist der Sinn meines Lebens? Wofür lebe ich? Die meisten wollten da mitmachen.

So begegnete ich im Laufe der Zeit vielen „Patientes“: depressiven und ängstlichen, dependenten, narzisstischen und Borderline-Persönlichkeiten. Einige beschämten mich, machten Zwischenmenschlichkeit in der medizinischen Behandlung mich wütend oder ratlos, aber von allen lernte ich etwas; vor allem, was es heißt, nicht nur Philosophin, sondern auch Mensch zu sein – und mich als solcher zu verhalten.

DAS GESICHT DES ANDEREN MENSCHEN

Zwischenmenschlichkeit braucht Gegenwärtigkeit. Wirklich präsent für den anderen kann man nur sein, wenn man die Perspektive wechselt; darauf verzichtet, ihn durch die Brille theoretischer Voreinstellungen zu sehen (als „Fall“, als „persönlichkeitsgestört“ etc.). Nicht die eigenen Annahmen und Intentionen machen uns menschlich, sondern unsere Beziehung zum anderen. Laut dem französischen Philosophen Emmanuel Lévinas (1905 – 1995) ist es das schutzlose Gesicht eines jeden Menschen, das immer schon gleichsam stumm an unsere Menschlichkeit appelliert: „Du sollst nicht töten!“ Jedes Gesicht ist anders, jedes eine ständige Erinnerung an unser eigenes Anderssein. Keiner kann die Fremdheit des anderen je völlig begreifen – sie entzieht sich jedem Klassifikationssystem: „Einem Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel wach gehalten werden“, schreibt Lévinas. Und doch sind wir alle aufeinander angewiesen. Jeder ist irgendwann, irgendwo einmal ein Leidender. Deshalb kann es Menschlichkeit – und das heißt für Lévinas Verantwortung – nur im Verbund mit Vorbehaltlosigkeit geben. So habe ich es auch während meiner Zeit in der Klinik immer wieder erlebt.

DER KATEGORISCHE IMPERATIV

Lévinas lehrt uns, „heteronom“ zu denken und zu fühlen, also eine Person von ihr selbst her, aus ihrer Perspektive heraus zu verstehen. Das braucht Zeit. Im klinischen Alltag herrscht meist ein starker Effizienzdruck, der das „Gesicht“ und damit die individuelle Bedürftigkeit des anderen trotz aller guter sorgender Absicht vergessen machen kann. In der medizinischen Behandlung braucht es daher universelle ethische Prinzipien für den menschlichen Umgang mit Patienten, die nicht verhandelbar sind. Dazu zählt für mich auch ganz zentral Immanuel Kants (1724 – 1804) „kategorischer Imperativ“: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Wo mit wenig Zeit viel Verantwortung ausgeübt werden muss, brauchen die Helfenden eine innere Richtschnur, die ihnen hilft, Patienten immer und überall menschlich zu behandeln – genauso, wie die Behandelnden selbst von anderen geachtet werden wollen: in ihrer je eigenen Würde, Freiheit und Verletzlichkeit; in ihrem eigenen Bedürfnis nach Solidarität. Fassen wir Kants abstrakte Formel etwas konkreter: „Handle so, als verdientest du den Respekt jedes anderen. Versuche, andere anzuschauen, wirklich zu sehen und zu verstehen. Frage dich: Was kann ich dem anderen jetzt geben? Habe ich Zeit für ein Wort, ein Lächeln?“ So einfach – und so menschlich – kann angewandte Philosophie sein.

Zur Person

Artikel 2 Blitzlicht GesundheitRebekka Reinhard ist freie Philosophin, Keynote Speaker und Spiegel-Bestsellerautorin. Sie hat an der Freien Universität Berlin in Amerikanistik mit dem Schwerpunkt Philosophie promoviert und ihre Dissertation zum Thema „Perspektiven des postanalytischen und dekonstruktivistischen Antifoundationalism: Eine Rekonstruktion ethisch-politischer Theoriebildung aus der Sinnkomplexion sprachlicher Akte“ verfasst.

Reinhard war als philosophische Beraterin für stationäre Patienten der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der LMU München sowie als Referentin im universitären Bereich, an Bildungs- und Gesundheitsinstitutionen und für Ärztekongresse tätig. Darüber hinaus ist sie stellvertretende Chefredakteurin des Philosophiemagazins „Hohe Luft“ und war im Beirat der Dr.-Reisach-Akademie der Adulaund Hochgrat-Klinik.

Letzte Aktualisierung: 18.03.2021