DER SELBSTBESTIMMTE PATIENT: NEUES ROLLENVERSTÄNDNIS, NEUE PFLICHTEN

„Die große Herausforderung in der Beziehung zwischen Patient und Arzt ist nicht die Digitalisierung, sondern das neue Rollenverständnis: Shared Decision Making, also eine therapeutische Partnerschaft zwischen Arzt und Patient, ist die Zukunft. Hier müssen sowohl Patienten als auch Ärzte dazulernen. Der erste Schritt ist, die Patienten zu empowern, dass sie sich einerseits informieren und andererseits ihre Bedürfnisse artikulieren“, sagt Iris Herscovici, Mitbegründerin von Selpers.com, einer digitalen Plattform, die auf die Verbesserung der Gesundheitskompetenz von Patienten und deren Angehörigen abzielt.

Die Gesundheitskompetenz der Patienten ist nicht nur die Basis für die Arzt-Patienten-Beziehung der Zukunft, sie ist generell ein Schlüsselfaktor für den Gesundheitszustand der Bevölkerung und folglich für die Ausgaben des Gesundheitssystems. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat sich deshalb 2016 in ihrer Erklärung von Shanghai verpflichtet, in die Gesundheitskompetenz als eine entscheidende Determinante der Gesundheit zu investieren sowie bereichsübergreifende nationale und lokale Strategien zur Stärkung der Gesundheitskompetenz bei allen Bevölkerungen und Bildungseinrichtungen zu entwickeln.

In Österreich ist die Stärkung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung als Gesundheitsziel 3 in der Gesundheitsreform verankert. Eine Erhebung zur Gesundheitskompetenz der Österreicher ist derzeit im Gange, die Ergebnisse werden laut der Gesundheit Österreich GmbH im ersten Quartal 2021 erwartet. Die aktuellsten verfügbaren Daten (aus dem Jahr 2011) legen jedenfalls einen Aufholbedarf offen: Damals verzeichnete Österreich im EU-Ländervergleich mit 51,6 Prozent einen überdurchschnittlich hohen Anteil an inadäquater oder problematischer Gesundheitskompetenz.

DIGITALISIERUNG STÄRKT PATIENTEN

Die Digitalisierung nimmt bei der Stärkung der Gesundheitskompetenz eine bedeutende Rolle ein. „Die Selbstbestimmung des Patienten ist zu einem großen Teil durch die digitale Welt erst möglich geworden. Dank der im Internet verfügbaren Informationen kann man individuell entscheiden, zu welchem Arzt man geht, welches Krankenhaus das richtige und welche Therapie die beste ist“, erklärt Karin Duderstadt, Geschäftsführerin von „Wir sind Diabetes“, der Dachorganisation der Diabetes Selbsthilfe Österreich. „Früher haben sich die Patienten viel weniger beziehungsweise in viel kleinerem Rahmen untereinander austauschen können als heute dank der digitalen Möglichkeiten. Das erfordert auch bei Ärzten ein Umdenken: Sie müssen lernen, mit den neuen Bewertungsmöglichkeiten umzugehen, und stärker als bisher den Servicegedanken verfolgen.“

Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung suchen mehr als die Hälfte der deutschen Internetnutzer mindestens einmal im Monat online Informationen über Gesundheitsthemen. 58 Prozent der Befragten informieren sich vor einem Arztbesuch, 62 Prozent danach im Netz. Dabei sieht fast die Hälfte die Informationen aus dem Web als gute Ergänzung zum Arztbesuch an; ein Drittel gibt an, dass die Onlinerecherche den Patienten zu einer stärkeren Stellung gegenüber dem Arzt verhilft (siehe Grafik unten).

INDIVIDUELLE INFORMATIONEN

„Die Digitalisierung hilft Patienten dabei, Gesundheitsinformationen einfacher und schneller zu finden. Allerdings tragen diese Informationen aus dem Internet nicht immer zur Klärung bei, sondern verwirren manchmal. Auch hier müssen Patienten und deren Angehörige ihre Fähigkeiten ausbauen“, kommentiert Selpers. com-Mitbegründerin Herscovici.

In dasselbe Horn stößt der niederösterreichische Patientenanwalt Gerald Bachinger: „Damit Patienten ihr Selbstbestimmungsrecht auch sinnvoll ausüben können, müssen sie seriöse Informationen zur Verfügung gestellt bekommen“, fordert er. Bachinger sieht eine große Chance in der Digitalisierung, „weil sie ermöglicht, dass die digitalen Möglichkeiten relativ einfach auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Patientengruppen zugeschnitten werden können“.

Klicken Sie auf die Grafik für eine größere Ansicht

In diesem Punkt ortet Herscovici allerdings noch Defizite: „Es ist wichtig, die Lebensrealität der Menschen wahrzunehmen und zu erkennen, welche Informationen sie wirklich benötigen.“ Als Beispiel führt sie die Isolation von Risikogruppen in der Pandemie an: „Diese Menschen hatten zu wenig Unterstützung und Information, wie sie einen gesunden Lebensstil aufrechterhalten können, wenn sie zu Hause bleiben müssen: wie sie sich bewegen können oder ernähren sollen. Die Eigenverantwortung wurde zum Teil sehr überstrapaziert.“ Während unzählige oberflächliche Informationen zu Covid-19 verfügbar waren, seien zu wenig gesundheitsspezifische Informationen für chronisch Kranke vorhanden gewesen, kritisiert Herscovici. „Die Menschen suchen nach individuellen Antworten. Wir müssen für diejenigen, die eine kontinuierliche Betreuung benötigen und kein Covid-19 haben, den Informationsfluss sicherstellen, statt sie zu vertrösten und Behandlungen aufzuschieben“, fordert sie.

Dieser Forderung schließt sich auch „Wir sind Diabetes“- Geschäftsführerin Duderstadt an: „Die Grundversorgung der chronisch kranken Menschen muss in einer Krise gewährleistet sein. Dazu gehört auch, dass ausreichend Schutzausrüstung und Heilmittel vorhanden sind. Diabetespatienten haben in der Zeit des Lockdowns plötzlich keine Ambulanztermine mehr bekommen. Hier hat es an raschen Alternativen gefehlt.“

AUSBAU VON TELEMEDIZIN UND WEBTOOLS

Für den niederösterreichischen Patientenanwalt Bachinger geht es nun darum, das Lernpotenzial aus Covid-19 zu nutzen, um solche und schlimmere Kollateralschäden in künftigen Krisen zu vermeiden. „Die Verzögerungen und Abweisungen mancher Patienten führten nicht nur zu längeren Schmerzen bei diesen, sondern teilweise auch zu Todesfällen. Das Problem war, dass niemand gewusst hat, was akut, was dringlich ist. Hier brauchen wir detailliertere und besser fundierte Informationen und einen Plan, damit die Grundversorgung des öffentlichen Gesundheitswesens in einer Krise nicht völlig ausgeblendet wird“, erläutert er. Dabei würden wiederum digitale Möglichkeiten eine Rolle spielen – Bachinger schlägt etwa vor, die telefonische Gesundheitshotline 1450 um ein Webtool zu ergänzen, „um eine Vor-Triage zu machen und die Spreu besser vom Weizen zu trennen“.

Bei chronisch Kranken könnte eine virtuelle Betreuung über ein Tablet helfen, die Gesundheitsversorgung auch in der Isolation sicherzustellen. Allerdings muss es bei der Nutzung von Technologien wiederum eine Anleitung für die Patienten geben, wie Herscovici betont: „Wir brauchen digitale Begleiter für die Patienten. Die Telemedizin etwa kann in der Dermatologie sinnvoll eingesetzt werden, allerdings müssen die Patienten wissen, wie die Bilder aussehen sollen, damit ihr Arzt auch etwas damit anfangen kann“, bringt sie ein Beispiel.

STÄRKUNG DER PATIENTEN AUF SYSTEMEBENE

Die Stärkung der Patienten muss laut Bachinger aber nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch auf Systemebene erfolgen. „Man muss Patientenvertreter dort einbinden, wo wesentliche Entscheidungen im System getroffen oder Weichen gestellt werden, zum Beispiel bei der Ausgestaltung der Kassenverträge. Derzeit werden diese nur zwischen Krankenversicherungsträgern als Zahlern und den Gesundheitsberufen als Anbietern abgeschlossen. Die Patienten als Nutzer hingegen dürfen nicht mitreden“, erklärt der Patientenanwalt. Er fordert zumindest ein Anhörungsrecht der Patientenvertreter.

Klicken Sie auf die Grafik für eine größere Ansicht

Auch bei der Ausrollung von Primärversorgungseinrichtungen und den Entscheidungen der Bundeszielsteuerungskommission fehlt Bachinger die Einbindung von Patientenvertretern.

„Wir sind Diabetes“-Geschäftsführerin Duderstadt nimmt hier ein „langsames Umdenken“ wahr. „Unsere Organisation wird immer mehr in Entscheidungsprozesse eingebunden, wie auch zum Beispiel bei der Planung des neuen Diabeteszentrums im zehnten Bezirk in Wien“, schildert sie.

Gesundheitskompetenz

Gesundheitskompetenz umfasst das Wissen, die Motivation und die Fähigkeiten von Menschen, relevante Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden, um im Alltag bei der Krankheitsbewältigung, der Prävention und der Gesundheitsförderung Entscheidungen treffen zu können, die die Lebensqualität und Gesundheit während des gesamten Lebensverlaufs erhalten oder verbessern (Parker 2009). Eine niedrige Gesundheitskompetenz kann sich für den Betroffenen zum Beispiel in einer geringen Therapietreue, späten Diagnosen oder einem erhöhten Risiko für chronische Erkrankungen äußern.

Letzte Aktualisierung: 19.03.2020

REFERENZEN

Bertelsmann Stiftung: Spotlight Gesundheit Nr. 2, 2018. Gesundheitsinfos.
Wer suchet, der findet – Patienten mit Dr. Google zufrieden.

Parker, R. (2009): Measures of Health Literacy. Workshop Summary: What?
So What? Now What?, The National Academies Press, Washington.

Pelikan, J. M.; Röthlin, F.; Ganahl, K. (2013): Die Gesundheitskompetenz der österreichischen Bevölkerung – nach Bundesländern und im internationalen Vergleich. Abschlussbericht der Österreichischen Gesundheitskompetenz (Health Literacy) Bundesländer-Studie. LBIHPR Forschungsbericht.

https://oepgk.at/gesundheitskompetenz-was-ist-das/.