DURCH DIGITALISIERTE MEDIZIN RÜCKT SOZIALE KOMPETENZ IN DEN FOKUS

Mehr „Facetime“ zwischen Arzt, Pflegepersonal und Patient – das hat sich Helmut Kern, Gesamtleiter im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien, als Ziel gesetzt. Dabei meint er nicht die Videotelefonie, sondern den direkten menschlichen Kontakt, denn dieser sei im Heilungsprozess unerlässlich. „Es ist für den Heilungsprozess ganz wichtig, wie geborgen und wohl sich die Patienten fühlen und wie viel Vertrauen sie in die behandelnden Ärzte und Pfleger haben“, sagt Kern. Um diesen menschlichen Kontakt zu intensivieren, setzt Kern auf Prozessoptimierung, zum Beispiel durch Abstimmung der Dienstpläne oder Verringerung des Administrationsaufwands. Wie viel Zeit konkret dadurch gewonnen wird, kann er noch nicht sagen – „wir arbeiten daran“.

Menschlichkeit – als Teil der Hospitalität – zählt bei den Barmherzigen Brüdern quasi zu den Ordenswerten: „Menschlichkeit wird nicht nur vorgelebt, sondern unseren Mitarbeitern auch bei der Einschulung und bei anderen Trainings vermittelt. Sie ist für uns ein USP – nicht aus gewinnorientierter Sicht, sondern weil sie für uns einen zentralen Wert darstellt“, schildert Kern.

DIGITALISIERUNG SOLL ZEIT FÜR BEZIEHUNG SCHAFFEN

Der Digitalisierung in der Medizin schreibt Kern hinsichtlich der Stärkung der menschlichen Beziehung zwischen Arzt und Patient eine bedeutende Rolle zu. „Einerseits kann künstliche Intelligenz dem Menschen viel Arbeit bei der Diagnostik abnehmen und dadurch Zeit freischaufeln. Andererseits können diese Technologien die Gesundheitsberufe bei der Erledigung von Dokumentationsund Administrationsaufwand, der immer mehr wird, unterstützen und entlasten. Je mehr maschinelle Unterstützung man hier bekommt, desto mehr Zeit bleibt für den Patienten“, betont Kern.

Allerdings muss diese Zeit seiner Meinung nach selektiv eingesetzt werden: „In Österreich wird der Arzt oft auch aus rein psychohygienischen Gründen aufgesucht. Man muss kritisch hinterfragen, ob das die Aufgabe des Arztes sein soll. Die Zeit von Ärzten und Pflegepersonal ist eine knappe Ressource. Sie muss dort eingesetzt werden, wo es am sinnvollsten ist“, fordert er. Denn der Mensch bleibt laut Kern in der Medizin unersetzbar. „Der Austausch auf Augenhöhe kann nur zwischen Menschen passieren. Was die Maschine nicht kann, ist den Patienten einzuschätzen und die Diagnostik in einen Kontext zu setzen. Das ist und bleibt Aufgabe des Arztes.“

AUSNAHMESITUATION ERFORDERT SENSIBILITÄT

Auch in der Vinzenz Gruppe werden Digitalisierung und Menschlichkeit in der Medizin nicht als Gegensätze, sondern als „gut miteinander kombinierbar“ angesehen, sagt Katja Österreicher, die das Innovationsmanagement in der Vinzenz Gruppe leitet. „Heutzutage funktioniert kein Krankenhaus mehr ohne Digitalisierung. Es braucht die digitale Innovation nicht nur für Objektivität und eine bessere Qualität der Diagnose, sondern auch, damit Ärzte ihre soziale Kompetenz ausüben können. Die Zeit, die wir durch den Einsatz von Computern gewinnen, kommt eins zu eins dem direkten Kontakt zwischen Arzt und Patienten zugute – denn der Patient der Zukunft will, dass sich Ärzte mehr Zeit nehmen und ein Gespräch auf Augenhöhe führen“, erklärt sie. Wenn man krank sei, befinde man sich in einer Ausnahmesituation und sei oft verunsichert. „Deshalb brauchen die Patienten einen sensiblen Umgang. Ärzte müssen sich Zeit nehmen, um ihnen Orientierung zu geben und Vertrauen aufzubauen“, so Österreicher. Aus der Perspektive der behandelnden Ärzte stelle das aber oft eine Herausforderung dar, räumt Österreicher ein: „Man muss berücksichtigen, dass die Mitarbeiter teilweise nicht nur unter einem enormen zeitlichen Druck, sondern auch unter einem emotionalen Druck stehen, zum Beispiel, wenn sie in einer belastenden Abteilung wie der Onkologie arbeiten.“

Die Innovationsmanagerin ist überzeugt, dass es in Zukunft auch mehr Bedarf an Aufklärung durch den Arzt geben wird. Als Grund dafür führt sie die Fülle an digitalen Innovationen an: „Die Ärzte, aber auch die Patienten selbst müssen zwischen qualitätsvollen und unseriösen Innovationen differenzieren können. Hier wäre ein Qualitätssiegel sinnvoll“, sagt Österreicher.

AUSBILDUNG IN SOZIALER KOMPETENZ

Christine Haberlander, Landeshauptmann-Stellvertreterin und Gesundheitsreferentin von Oberösterreich, hält es für eine Aufgabe der Gesundheitspolitik, Menschlichkeit in der medizinischen Versorgung sicherzustellen. Ein Ansatzpunkt sei hier die Ausbildung: „In allen Studienprogrammen der FH Gesundheitsberufe Oberösterreich werden in den Curricula nicht nur fachliche und wissenschaftliche Kompetenzen, sondern auch sozial- kommunikative Kompetenzen vermittelt. Ein Schwerpunkt liegt hier auf der Stärkung der Gesundheitskompetenz – jener der Gesundheitsberufe genauso wie jener der Patientinnen und Patienten. Studierende lernen, wie sie zielgerichtet zur Steigerung der Gesundheitskompetenz beitragen und welche hohe Bedeutung einer gelungenen, auf die jeweilige Person und Situation abgestimmten Kommunikation zukommt. Eine gelungene, empathische und persönliche Kommunikation ist der Grundstein für eine gelingende Orientierung im Gesundheitssystem und die zielgerichtete und effiziente Versorgung“, so Haberlander.

Auch im Projekt „Der gelungene Patientenkontakt“ des Landes Oberösterreich und der Österreichischen Gesundheitskasse spielt Menschlichkeit eine Rolle. „Hier geht es unter anderem auch darum, die Professionistinnen und Professionisten im Gesundheitswesen in ihrem Umgang mit den Patientinnen und Patienten zu unterstützen, etwa mit Maßnahmen wie der Stärkung der Gesprächskompetenz“, sagt Haberlander.

ENTLASTUNG DURCH TELEMEDIZIN

Dennoch betont die Gesundheitsreferentin, dass „nicht für jeden Arztbesuch, jede pflegerische Tätigkeit ein persönlicher Face-to-Face-Kontakt erforderlich ist“. Teile einer Anamnese oder Diagnose etwa könnten ohne diese Art von Kontakt erfolgen. Letztlich gehe es darum, „zum einen die Krankenhäuser mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu entlasten, und zum anderen darum, den effizientesten Weg für die Patientin oder den Patienten zur am besten geeigneten Behandlung sicherzustellen“.

So hält Haberlander den Ausbau von telemedizinischen Anwendungen für sinnvoll, um speziell in ländlichen Regionen die Gesundheitsversorgung sicherzustellen. „Bei jeglichem technischem Fortschritt wird es aber immer die mitfühlende Ärztin beziehungsweise den mitfühlenden Arzt und die verständnisvollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege benötigen. Die persönliche Interaktion ist von unendlicher Wichtigkeit.“

Zur Verbesserung der Interaktion zwischen Maschine und Patient bedarf es laut Julia Puaschunder, Verhaltensökonomin an der Columbia University, noch einiger Forschungsarbeit. „Interviews mit medizinischen Expertinnen und Experten haben aufgezeigt, dass die Technologien besser auf menschliche Bedürfnisse zugeschnit ten werden sollten“, erzählt sie. Damit die Digitalisierung auch tatsächlich den Patienten zugutekommt, „sollte man bei Big Data und der Informationsflut Algorithmen dazu nutzen, Informationen besser zu filtern und mundgerecht zu servieren, um den menschlichen kognitiven Kapazitäten gerecht zu werden“, so Puaschunder.

MENSCHLICHE THERAPIE ALS LUXUS

Puaschunder geht davon aus, dass der Einsatz von Robotern in der Medizin den Wert von Empathie und Fürsorge steigen und die menschliche Arbeit zu wertvollem Luxus werden lässt. „So könnte es beispielsweise den Luxus der menschlichen Krankenschwester im Gegensatz zum Roboter oder den Luxus der zweifachen Diagnose durch Maschine und Mensch geben“, sagt sie.

Die Verhaltensökonomin moniert, dass psychologische Studien zur Wahrnehmung und Bedeutung der Menschlichkeit im Gesundheitswesen derzeit noch weitgehend fehlen. Langzeitstudien und Nebeneffekte – vor allem psychischer und psychosozialer Natur – seien nicht bekannt. „Man weiß beispielsweise nicht, ob Menschen oder Roboter als Luxus wahrgenommen werden, was letztendlich von Leistung und Gewohnheit abhängig sein wird. Bisherige Versuche in Österreich weisen auf eine relativ gute Akzeptanz von Robotern im Familienverbund hin“, so die Expertin.

Letzte Aktualisierung: 18.03.2021