MÄNGELWESEN MENSCH – AUF DEM WEG ZUR TOTALOPTIMIERTEN GESUNDHEIT

Die digitale Transformation umfasst alle Bereiche unseres Lebens. Im Gesundheitswesen ermöglicht künstliche Intelligenz (KI) schon heute eine effizientere Patientenversorgung und eine Entlastung des medizinischen Personals. Aber nicht nur bei der Diagnostik oder bei Entscheidungen in komplexen Fragen eines Krankheitsfalls, auch, wenn es um präventive Handlungsempfehlungen mittels Wearables (also tragbaren Computersystemen) für die individuelle Lebensführung im Alltag geht, spielen KI-Systeme zunehmend eine wichtige Rolle.

Wo immer KI zu gesundheitlichen Zwecken eingesetzt wird – stets geht es darum, ein möglichst langes Leben und eine möglichst hohe Lebensqualität zu gewährleisten. Aus ethischer Sicht ist allerdings zu fragen: Welches Menschenbild steht hinter diesem Ziel? Hierbei sollte schließlich die oberste Priorität sein, mit dem enormen Potenzial der KI im Gesundheitswesen jetzt und in Zukunft verantwortungsvoll umzugehen.

OPTIMIERUNGSKALKÜL DES TRANSHUMANISMUS

Wollte man körperliche und seelische Zustände des Menschen ausschließlich nach Effizienzkriterien bewerten, würde man Gesundheit zu einem messbaren, evidenzbasierten, datengetriebenen Muss machen. Die zugrunde liegende Prämisse wäre: Der Mensch ist – noch – ein sterbliches Mängelwesen, das es zu optimieren gilt, bis der Idealzustand erreicht ist. Was aber wäre dieser Idealzustand? Der systematische Ausschluss aller Risiken, die einen Menschen als arbeitsunfähig, funktionsunfähig und letztlich sterblich erweisen könnten. Wollte man den Menschen als grundsätzlich defizitär betrachten, als ein Wesen, dessen Upgrade zur perfekten Version seiner selbst mittels KI noch aussteht, wollte man ihn also aus der Zukunft heraus denken – so, wie er künftig zu sein hat –, würde man den gegenwärtigen Menschen mitsamt seinen individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen aus dem Blick verlieren.

Wo immer KI-basierte Anwendungen im Gesundheitswesen einer einerseits messbaren, andererseits ethisch indifferenten „life extension“ dienen, rücken sie gewollt oder ungewollt in eine gefährliche Nähe zu den Optimierungskalkülen des sogenannten Transhumanismus.

Vorrangig für Transhumanisten wie den Bioinformatiker Aubrey de Grey oder den Philosophen Max More („Mehr“) ist die finale Unsterblichkeit. Die Abschaffung des Todes soll dem Menschen ermöglichen, sich permanent selbst zu verbessern und bessere messbare Leistungen, mehr messbaren ökonomischen Erfolg anzuhäufen. Das mag attraktiv und interessant klingen. Doch dahinter steht ein utilitaristisches Denken, das weniger auf Ethik als auf Nutzensummenmaximierung für ein bestimmtes Kollektiv setzt. In letzter Konsequenz ersetzt die transhumanistische „Utopie der Kontrolle“ die individuelle Menschenwürde mit einem technologischen Determinismus, wie die Kritik der Technik- und Medienphilosophin Janina Loh nahelegt.

„Wissenschaft der Individualität“

Unser Leben hat nicht erst dann Sinn und Wert, wenn es irgendwann unter totaler Kontrolle ist. Es gewinnt Sinn und Wert, wenn es hier und jetzt für den Einzelnen „gut“ ist. KI-basierte Systeme sollten „gut“ für den Menschen sein – in technologischem wie in ethischem Sinne. Das ist nur möglich, wenn die, die diese Systeme entwickeln und täglich einsetzen, auch hie und da Zweifel am Grundsatz der Optimierung zulassen.

Wenn wir ein technologisch hochpräzises und zugleich menschliches Gesundheitswesen wollen, muss jeder einzelne Mensch zählen. Mit den neuen Messverfahren und Erkenntnissen der KI besteht die große Chance, Medizin als „Wissenschaft der Individualität“ – wie es der Digitalmediziner Eric Topol beschreibt – ethisch weiterzuentwickeln.

Wenn es gelingt, KI im Zeichen einer Humanisierung des Gesundheitswesens und auch auf Grundlage entsprechender rechtlicher Rahmenbedingungen zu nutzen, wird die transhumanistische Utopie hoffentlich an Attraktivität verlieren. Weil man erkennt: Was gut für den Menschen ist, kann nicht in jedem Fall quantifiziert und optimiert werden.

Zur Person

Rebekka Reinhard ist freie Philosophin, Keynote Speaker und Spiegel-Bestsellerautorin. Sie hat an der Freien Universität Berlin in Amerikanistik mit dem Schwerpunkt Philosophie promoviert und ihre Dissertation zum Thema „Perspektiven des postanalytischen und dekonstruktivistischen Antifoundationalism: Eine Rekonstruktion ethisch-politischer Theoriebildung aus der Sinnkomplexion sprachlicher Akte“ verfasst.

Rebekka Reinhard ist freie Philosophin, Keynote Speaker und Spiegel-Bestsellerautorin. Sie hat an der Freien Universität Berlin in Amerikanistik mit dem Schwerpunkt Philosophie promoviert und ihre Dissertation zum Thema „Perspektiven des postanalytischen und dekonstruktivistischen Antifoundationalism: Eine Rekonstruktion ethisch-politischer Theoriebildung aus der Sinnkomplexion sprachlicher Akte“ verfasst.

Letzte Aktualisierung: 19.08.2020