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ELEKTRONISCHE VERSCHREIBUNG: WAS BLEIBT VOM CORONA-REZEPT?

Die spontane Einführung des „elektronischen Rezeptes“ hat in den Krisenwochen von Corona funktioniert. Die digitale Verschreibung auf Basis der e-Medikation ist aber nur eine provisorische Maßnahme. Für einen Dauerbetrieb zeigt der technische Schnellschuss lästige Schwächen. Der Druck auf die Betreiber muss größer werden, um neu an den Start zu gehen.

Das elektronische Rezept beflügelt die Fantasie der heimischen Gesundheitspolitiker seit dem Jahr 2005. Damals war die e-Card in Österreich eingeführt worden. Die Karte statt Krankenschein ließ erstmals erahnen, was elektronische Datenverarbeitung in einen Gesundheitssystem bewirken kann. So begann die Idee eines e-Rezeptes durch Kammerkurien und Kassengremien zu sickern: 60 Millionen österreichische Papierrezepte sollten jährlich digital verfügbar werden. Mit der Umsetzung dauerte es dann aber etliche Funktionsperioden. Geplant war, im Frühjahr 2020 das e-Rezept in zwei Kärntner Bezirken anrollen zu lassen. Bis Mai 2022 sollte das elektronische Rezept bundesweit verfügbar sein. Dann kam Corona.

E-MEDIKATION IST KEIN E-REZEPT

Als Ende Februar ruchbar wurde, dass das Virus für Europa gefährlich werden kann, kam aus dem Gesundheitsministerium die Order, das System der Arzneiverschreibung so rasch als möglich kontaktlos zu gestalten. Als am Freitag, den 13. März, die Regierung den Lockdown ankündigte, standen die Verantwortlichen dennoch mit leeren Händen da. Das so lange geplante e-Rezept war noch immer nicht einsatzfähig. Darum brauchte es für das kontaktlos erstellte Rezept eine Hauruck-Aktion. Volker Schörghofer, Generaldirektor-Stellvertreter im Dachverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und technischer Geschäftsführer der SV-Chipkarten Betriebs- und Errichtungsgesellschaft (SVC), erzählt davon in einem Interview mit dem Onlineportal Relatus: „Am Wochenende (13. bis 15 März, Anmerkung der Red.) haben etwa 40 Mitarbeiter der Tochterfirma SVC, die für die e-Card, die e-Medikation und das ELGA Bürgerportal zuständig ist, eine Lösung geschaffen.“

Das elektronische Rezept à la Corona läuft seit März auf den technischen Strukturen der ELGA-basierten e-Medikation. Sie gilt in dieser Form datentechnisch und administrativ jedoch als Provisorium, das punkto Übersichtlichkeit und technischer Zuverlässigkeit im Tagesgebrauch Schwächen aufweist.

Anders das e-Rezept: Das lange vorbereitete, aber noch nicht erprobte Projekt ist eine e-Card-Anwendung und gehört zum Verwaltungssystem der Sozialversicherungen. Hier liegt der Fokus auf der Digitalisierung der administrativen Prozesse. Man kann das Problem auch so beschreiben: Bei der e-Medikationslösung wurde für den sofortigen Einsatz ein Schwer-LKW so umgebaut, dass er auch Hauszustellungen übernehmen kann. Das e-Rezept hingegen wurde schon als Kleintransporter konzipiert. Der ist aber noch nicht einsatzbereit.

DATENVERLUST ZWISCHEN ORDI UND APOTHEKE

Die rasche Einführung des kontaktlosen Rezepts wird von der Ärzteschaft überwiegend als Gewinn empfunden. Die Systemprobleme waren vorerst nicht mehr als Hintergrundgeräusche. Internist Dr. Michael Jung ist Partner in einer Gruppenpraxis im 8. Wiener Gemeindebezirk: Er empfand das elektronische Rezept als „Fortschritt in komplizierten Zeiten. Die Möglichkeit sollte unbedingt weiter bestehen“. Jungs positive Grundhaltung enthält aber auch Kritikpunkte: „Das elektronische Rezept führt zu einem deutlichen Anstieg der Mails, die von der Assistenz großteils nach der Ordinationszeit abgearbeitet werden müssen.“

Das Urteil von Dr. Susanna Michalek geht in die gleiche Richtung. Die Wiener Allgemeinmedizinerin ist stellvertretende Telemedizin-Referentin der Österreichischen Ärztekammer und beschäftigt sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit ELGA, E-Health und medizinischer Datensicherheit: „Das elektronische Rezept hat uns als spontane Lösung über eine schwierige Phase geholfen. Jetzt gilt es, für einen Dauerbetrieb die Mängel auszumerzen.“ Einer ihrer Ansatzpunkte: In einigen Fällen seien andere Medikamente expediert worden als sie über die Ordinationssoftware verschrieben habe. Auf dem Weg zwischen Ordination und Apotheke gingen „nicht oft, aber immer wieder“ Informationen verloren. Genau so sei für den verschreibenden Arzt und Ärztin nicht ersichtlich, ob Generika ausgetauscht wurden oder nicht.

© Susanna Michalek, Allgemeinmedizinerin

KONTROLLE AUF ZEIT

Weiteres Verbesserungspotential wird in der Transparenz gesehen. Das System der e-Medikation erlaube Ärztin und Arzt nur eine beschränkte Kontrolle des elektronischen Rezeptes, klagt Michalek. Dies führe im Alltag zu mühseligen Volten. So müsse die Ordinationsassistenz die vorbereiteten elektronischen Rezepte ausdrucken, um sie den Ordinationsinhabern zur Unterschrift und Kontrolle vorzulegen. Eine elektronische Vidierungsmöglichkeit existiert beim e-Medikationsrezept nicht, in dem eine Korrektur nur zwei Stunden nach Eintrag möglich ist.

Für die Planer der e-Medikation ist die Beständigkeit des Systems nur natürlich: e-Medikation wurde als Medikamenten-Archiv konzipiert, in dem aus Authentizitätsgründen nachträglich so wenige bis keine Veränderungen durchgeführt werden sollen. Für Michalek ist ein derartiges Detail in einer Krise akzeptabel, aber nicht als digitale Dauerlösung.

AUSWEICHSTRATEGIEN PER MAIL ODER FAX

Die größte Alltagsschwäche zeigt das Corona-Rezept aber in seiner Zuverlässigkeit. Immer wieder hakt und zwickt etwas in der Eingabe. Zudem greift das System der e-Medikation nur bei Patienten, die nicht die Opt-out-Möglichkeit genutzt haben. Das elektronische Rezept light steht in diesen Situationen nicht zur Verfügung. Für diese müssen die Ordinationen auf die Kommunikationswege des E-Mails oder des Faxes ausweichen. Michalek nennt für ihre Ordination eine mittlere dreistellige Zahl an Rezepten, die sie im zweiten Quartal des Jahres direkt an Apotheken gefaxt oder gemailt hat. Das System konnte die Verschreibungen nicht verarbeiten. „Das ist für einen Ordinationsalltag jenseits der Fehlerakzeptanz.“

Die Erfahrungen mit dem Corona-Rezept machen sicher, dass den digitalen Verschreibungen die Zukunft gehört. Allerdings ist die Skepsis groß, dass die notwendige Alltagstauglichkeit über das System der e-Medikation erreicht werden kann (siehe Kästen).

PROBLEM ERKANNT

Jede verschreibende Ärztin oder Arzt ist täglich mit dem kontaktlosen Rezept konfrontiert. Im Ordinationsalltag hilft und nervt das gegenwärtige System zu gleichen Teilen.  Daher steigern die Ärztevertreter aktuell ihre Bemühungen, auf die Verbesserungsmöglichkeiten hinzuweisen. Jetzt liegt der Ball bei den Betreibern. Der Dachverband der Sozialversicherungsträger bzw. deren Entwicklungsgesellschaft SVC wissen, dass die jahrelang entwickelte Systemlösung des e-Rezepts (auf Basis des § 31a ASVG) noch nicht einsatzbereit ist. Sie stehen vor dem Problem, ein bundesweit etabliertes, aber träges System auf e-Medikationsbasis durch ein speziell konzeptioniertes e-Rezeptsystem zu ersetzen, das noch zwei Jahre der Testphase benötigt. Corona ist schuld!

PFUSCH AM SYSTEM

Das ELGA-Service e-Medikation dient vor allem der Wechselwirkungsprüfung und Vermeidung von Mehrfachverschreibungen. Seit Herbst 2019 gilt das digitale Service für freigeschaltet. Für den Patienten Michael M. ist die Dienstleistung aber „sonderbar“, wie er formuliert. Dort, wo in der „e-Medikationsliste“ alle verordneten und abgegebenen Medikamente für ein Jahr gespeichert sein sollten, fand der Hypertoniker nur einen Bruchteil seiner letzten Verordnung genannt. Von vier Medikamenten, die seine Hausärztin Mitte Juli zuletzt per Online-Rezept verschrieben hatte, fand sich nur eines in der e-Medikationsliste wieder. Einträge wurden unter „offene Rezepte“ angeführt und als noch nicht abgeholt gelistet, obwohl M. sämtliche Medikamente in der Apotheke sofort ausgehändigt bekam. Der Rest der Informationen fiel einfach unter den Tisch. Eine Testrecherche der Ärzte Woche ergab ein ähnlich schlechtes Ergebnis, wobei der Vorgang in der Apotheke mit gesteckter e-Card eingeleitet wurde: Vom elektronischen Rezept wurde auch nur eines von fünf verschriebenen Medikamenten  in der ELGA-Anwendung gelistet. Auch diese Verschreibung war eine Woche nach Abholung als „noch nicht ausgeliefert“ gekennzeichnet.

© Raimund Podroschko, Vizepräsident
der Österreichischen Apothekerkammer

AUCH APOTHEKEN WOLLEN ENDE DES PROVISORIUMS

Für Raimund Podroschko, Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer, war die „erste Phase von Corona im März und April eine Zeit des Improvisierens und des Stückwerks “. Die Rezepte seien zu hunderten per E-Mail und Fax in den Apotheken eingetroffen. Die Zuordnung der Ausdrucke zu den einzelnen Patienten sei angesichts langer Schlangen vor den Apotheken „mehr als mühsam“ gewesen, vor allem dann, wenn – um besonders sorgfältig zu sein – der Arzt nur ein Medikament pro Rezept verschrieben hat. Allerdings sei die Lernkurve bei Apothekern und Ärzten steil gewesen. „Mit dem Anlaufen der Rezepte über die e-Medikation ist der große Druck verschwunden“, so Podroschko. Aber seine Meinung über die Rezeptverschreibung á la Corona ist eindeutig: „Das war eine Krücke, die uns gestützt hat. Die Dauerlösung muss professioneller sein.“ Sein Hauptkritikpunkt: „Der Datenschutz ist bei alleiniger Nennung einer Sozialversicherungsnummer nicht einmal in Ansätzen gegeben.“ In Zukunft sei eine Legitimierung der Patienten unverzichtbar. Bürgercard, Smartphone oder e-Card seien dafür Lösungen. Zudem müsse die elektronische Durchgängigkeit der Verschreibung von Arztsoftware zu Apothekensoftware und in das Archiv der e-Medikation gegeben sein. „Es kann keine digitale Lösung geben, bei der man im Endeffekt das Rezept ausdrucken muss“, ärgert sich Podroschko. Das sei derzeit in den Apotheken täglich viele hundert Mal der Fall.

Dieser Artikel wurde verfasst von © Springer Magazin

Letzte Aktualisierung: 21.12.2020